Sabine Mehne
Der große Abflug
Wie ich durch meine Nahtoderfahrung die Angst vor dem Tod verlor

Ostfildern: Patmos Verlag, 2016
978-3-8436-0834-3, 287 Seiten, € 19,99
Rezensent:
Michael Nahm
(Dr. Michael Nahm ist Biologe und Forstwissenschaftler mit einem ausgeprägtem Interesse an anomalistischen Fragestellungen. Interessensschwerpunkte bilden ungelöste Probleme der Evolutionstheorie, ungewöhnliche Phänomene in Todesnähe sowie physikalischer Mediumismus. Webseite: www.michaelnahm.com. Rezensionen 485 Sharp, 2007)

>>> Download der gesamten Rezension im PDF-Format <<<

Das hier rezensierte Buch von Sabine Mehne ist kein wissenschaftliches Buch, sondern wie bereits sein Vorgänger (Mehne, 2013) ein sehr persönliches autobiographisches Werk über die Nachwirkungen einer Nahtoderfahrung (NTE). Dennoch enthält das Buch einige Aspekte, die auch für wissenschaftliche Belange von Bedeutung sind, insbesondere für den Bereich der wissenschaftlichen Anomalistik.

Bevor ich auf diese Dinge zu sprechen komme, möchte ich allerdings noch vorausschicken, dass Mehnes Buch in meinen Augen höchsten Respekt verdient. Es gehört sehr viel Mut dazu, sich derart offen und detailliert über den eigenen Umgang mit einer NTE mitzuteilen, und den Umgang mit schweren Krankheiten und dem Sterben so direkt, vielschichtig und teilweise auch vorsichtig provokativ zu thematisieren. Ich darf für mich in Anspruch nehmen, bereits einige Bücher zu den Themen Tod und NTE gelesen zu haben. Dieses Buch zählt besonders im deutschen Sprachraum für mich jedoch zu den ausführlichsten, authentischsten und auch interessantesten Abhandlungen. Es sei daher jedem ans Herz gelegt, der sich aus dem einen oder anderen Grund ebenfalls mit den Themen Tod oder NTE beschäftigt. Ich finde, das ist eine Beschäftigung, die sich nur lohnen kann. Und Bücher wie dieses eignen sich hierfür besonders gut, weil sie aus der Feder einer persönlich betroffenen Person stammen.

Mit diesem Aspekt möchte ich auch bereits an die erwähnten wissenschaftlich relevanten Belange des Buches anknüpfen. Seit das Thema der NTE wissenschaftlich salonfähig geworden ist, werden besonders im kritischen Mainstream die meisten Diskussionen darüber von „Schreibtischtätern“ geführt, die zwar keine eigene NTE erfahren haben, die aber offenbar trotzdem genau zu wissen glauben, was eine NTE ist und wie sie sich neurophysiologisch und/oder psychologisch erklären lässt (z. B. Blackmore, 1993; Augustine, 2007a, 2007b; Woerlee, 2011; Mobbs & Watt, 2011). Es muss sich für diejenigen, die tatsächlich eine NTE erlebt haben, oftmals verblüffend oder auch erniedrigend anfühlen, wenn die eigene unmittelbare Erfahrung von solchen „Experten“ auf die eine oder andere Weise aus der Entfernung wegerklärt wird. Dies betrifft beispielsweise die Erfahrungen eines mit Worten nicht beschreibbaren liebevollen Lichts, das jenseits jeglicher Begriffe von Raum und Zeit liegt, oder anscheinend wahrheitsgetreue Wahrnehmungen während außerkörperlichen Erfahrungen (AKE). Es liegt selbstverständlich in der Natur der Sache, dass die subjektive Erfahrung eines Menschen von anderen nicht persönlich nachvollzogen werden kann. Aber es dürfte dennoch einleuchten, dass wertvolle Erkenntnisse oder Forschungsimpulse bezüglich der diskutierten Erfahrungen verloren gehen können, wenn man die persönlichen Erlebnisberichte nicht angemessen würdigt. Dies rügt auch Mehne, die während ihrer schweren Krankheit nebst einer äußerst intensiven NTE, die ihr gesamtes Leben komplett und dauerhaft auf den Kopf gestellt hat, auch Halluzinationen erlebt hat. Sie betont entscheiden: Sie kenne den Unterschied zwischen Halluzinationen und einer NTE sehr gut, und es mache sie wütend, wenn jemand ihre NTE aus der Ferne als einfache Halluzination abspeist (S. 71).
Überdies betont sie, es gehe für sie nicht mehr nur um das Phänomen der NTE, sondern um den Menschen, der es erlebt, und um das, was es mit ihm macht. Mehne fordert, dass bei Untersuchungen zu NTE das Wesen der Nahtoderfahrenen besser in die Forschung mit eingebunden werden müsse; man könne keine Forschung betreiben, ohne den Forschungsgegenstand selbst berücksichtigen zu wollen (S. 219f.). Als jemand, der Sabine Mehne und andere Nahtoderfahrene persönlich kennt, kann ich dies nur unterstreichen. Die Beschäftigung mit NTE gewinnt eine gänzlich andere Qualität, wenn man die betroffenen Personen kennt und sich ihre „Geschichten“ von Angesicht zu Angesicht anhört, und sich nicht nur mit neurophysiologischen oder psychologischen Hypothesen befasst. All dies rührt in meinen Augen an ein Thema, das in zweierlei Hinsicht bedeutsam ist. Erstens führt es einen teilweise verbreiteten wissenschaftlichen Übermut vor Augen, der insbesondere bei derartig emotionalen und kritischen Themen wie NTE, dem eigenen Sterben oder dem Sterben von Angehörigen fehl am Platz ist. Dies hilft den Betroffenen und ihren Angehörigen in keiner Weise. Zweitens gilt dies auch für viele Menschen, die aufgrund von eigenen Schicksalsschlägen oder dem Leiden anderer auf Trost angewiesen sind. Mehne betont immer wieder, wie viele Menschen sich bei ihr für ihre Offenheit und ihre Arbeit bedanken, NTE bekannter und respektierter zu machen; wie sehr das Wissen um NTE und all die damit verbundenen Implikationen ihr Leben erleichtert hätten.
Auch hier muss man fragen: Ist genau dies nicht auch eine Aufgabe der etablierten Wissenschaftler? Im Kontext der am Mainstream und an der Neurophysiologie orientierten NTE-Beschäftigung beschleicht zumindest mich öfters das Gefühl, dass hier hauptsächlich das Fordern von Beweisen und das Ausüben einer gefühlten Deutungshoheit im Vordergrund stehen. Dabei lassen NTE sich bislang nicht durch physiologische, psychologische und kulturelle Faktoren vollständig erklären (Schmied-Knittel, 2015; Vaitl, 2012). Wahre Pioniere, die sich mutig, konstruktiv und mit wissenschaftlichem Elan an das Erweitern der gegenwärtigen Grenzen der Erkenntnis heranwagen, sind Ausnahmeerscheinungen.
Bislang bleibt es in Deutschland zumeist Privatpersonen, die wie Mehne im Netzwerk Nahtoderfahrung e. V. organisiert sind, überlassen, auf die enorme Bedeutung von NTE für die Bevölkerung hinzuweisen und eine in jeder Hinsicht offene Beschäftigung mit NTE voranzutreiben. Mehne regt beispielsweise an, die Lebensrückschau, die vom westlichen Kulturkreis
486 Rezensionen
geprägte Nahtoderfahrene häufig beschreiben, ausführlicher in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen zu rücken. Diese Idee kann ich nur unterstützen, denn meines Wissens gibt es bislang nur eine einzige Studie, die sich diesem Thema systematisch zugewendet hat (Stevenson & Cook, 1995). Die Lebensrückschau kann sehr unterschiedlich ausfallen, wobei die besonders intensiv ausgeprägten Varianten, die das ganze Leben oder wenigstens sehr große Teile umfassen, in der Minderheit sind (ebd.). Letztere schließen aber die meisten interessanten Aspekte mit ein. Mehne, die eine sehr intensive Rückschau erlebt hat, thematisiert diese ausführlich. Als erstes bemerkenswertes Element ist die schiere Informationsflut dieser Art von Rückblicken zu nennen. Auf persönliche Nachfrage bestätigte Mehne mir ausdrücklich, dass ihre Rückschau sich bis zu ihrer Geburt erstreckte, was bereits von einigen anderen Nahtoderfahrenen berichtet wurde (Stevenson & Cook, 1995; van Lommel, 2010). Ein Ding der Unmöglichkeit, sollte man meinen, da das Gehirn in diesem Entwicklungsstadium noch gar nicht zur Abspeicherung von Langzeiterinnerungen in der Lage ist (in seltenen Fällen wird sogar von Einblicken in andere und vermeintlich vergangene Leben berichtet, was die Aussicht eröffnet, das dort erlebte verifizieren zu können; van Lommel, 2010; von Jankovich, 1993). Mehne erlebte aber auch wieder, wie sie im Alter von zwei Jahren einer Polypenoperation unterzogen wurde, vor der sie offenbar mit Äther betäubt worden war, eine AKE erlebte, und die Szene von einer erhobenen Warte aus mitverfolgte. Anhand von Aufzeichnungen ihrer Mutter konnte sie die Tatsächlichkeit dieser zuvor nicht erinnerten Operation später verifizieren. Sie erlebte weiterhin Szenen eines tief verdrängten Kindesmissbrauchs wieder, stellte sich später der Konfrontation mit dem noch immer lebenden Täter, und konnte auf diese Weise alte und bislang nicht recht erklärliche Verhaltensmuster aufarbeiten. Ein weiteres erstaunliches Detail der Lebensrückschau besteht darin, dass diese sich gemäß zahlreichen Berichten in kürzester Zeitspanne abspielen kann, manchmal findet die Präsentation des vergangenen Lebens auch auf eine nicht zu versprachlichende Weise scheinbar gleichzeitig statt. Dennoch würde es nach Auskunft vieler Nahtoderfahrener, die etwas Derartiges erlebt haben, Wochen dauern, alles Erlebte nachzuerzählen. Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt von vielen Lebensrückblicken, so auch bei demjenigen von Mehne, besteht darin, dass nicht nur die eigenen Gefühle wiedererlebt werden, sondern auch die Gefühle derjenigen Menschen, die an ihrem Leben teilgenommen haben und mit denen sie interagiert hat. Zudem besitzen solche Lebensrückblicke auch eine emotionale Qualität, worin alle Taten samt ihren Motiven und Auswirkungen auf die Umwelt in eine Art höherer und liebevoller Erkenntnis integriert und ausgesöhnt werden, häufig in Gegenwart einer spirituellen Wesenheit. Doch nicht nur das: Mehne berichtet auch davon, dass sich ganze Biografien von Personen, die in ein Geschehen ihres Lebens mit eingebunden waren, vor ihr aufblätterten – sie erfuhr also Episoden aus dem Leben anderer Menschen, die sie gar nicht kennen konnte.
Es wäre sicher lohnenswert, die Lebensrückschau im Rahmen von NTE in all diesen Hinsichten genaueren Analysen zu unterziehen. Möglicherweise würde dies einem besseren Verständnis der Natur dieser Lebensrückblicke und somit auch von NTE als Ganzen förderlich sein. Bislang existieren lediglich physiologische und psychologische Spekulationen über die Ursachen des Auftretens der Lebensrückschau in all ihren Varianten, und alle scheinen auf sehr unsicheren theoretischen Füßen zu stehen (Stevenson & Cook, 1995; Alvarado, 2011).
Rezensionen 487
Als Vergleich zu voll ausgeprägten Lebensrückblicken während NTE seien hier zwei Beispiele angeführt, wobei Menschen, die unter einer weitreichenden Amnesie bezüglich ihres Lebens litten, plötzlich die Erinnerungen an ihr Leben zurückgewannen (Lucchelli, Muggia, & Spinnler, 1995). Der erste Patient verlor die Erinnerung an sein vergangenes Leben nach einem Infarkt des linken Thalamus. Ein Jahr später kehrten seine Erinnerungen plötzlich wieder zurück. Er berichtete, dass innerhalb weniger Minuten zahllose Erinnerungen an sein vergangenes Leben „seinen Kopf füllten“, eine nach der anderen, wie ein ungeordnetes und überwältigendes Gedränge, eine Katharsis. Danach fühlte er einen ausgeprägten Drang, über sein vergangenes Leben zu sprechen, und tat dies für etwa zwei Tage nahezu ununterbrochen. Nach weiteren 3 bis 4 Tagen hatten sich die Erinnerungen wieder geordnet, und der Mann war wieder er selbst. Der zweite Patient verlor sein Gedächtnis nach einem Autounfall. Nach einem Monat fluteten seine Erinnerungen während eines Tennisspiels plötzlich wieder zurück, ebenfalls binnen Minuten. Dies fühlte sich für den Mann an, als ob er einen Hahn geöffnet hätte und das Wasser laufen ließe. Diese Erinnerungen waren von Emotionen begleitet und spiegelten direkte Erfahrungen wieder, es fand kein passives Erlernen von berichteten Erlebnissen statt. Diese beiden Berichte unterscheiden sich von den Lebensrückblicken in NTE vor allem dadurch, dass ihnen die transzendentalen – wenn man so möchte – Komponenten fehlen. Die Erinnerungen kehrten binnen Minuten zurück, das Zeitempfinden schien nicht verändert oder aufgehoben zu sein. Weiterhin fehlen das Mitfühlen der Gefühle von anderen Menschen, sowie eine wohlwollende und nicht-verurteilende Bewertung der einzelnen Handlungen; auch von Erinnerungen an die eigene Geburt ist zumindest hier nicht die Rede.
Aus anomalistischer Sicht enthält Mehnes Buch noch Berichte über weitere Phänomene, die aus dem Umfeld des Sterbens und des Todes regelmäßig berichtet werden, wie AKE unter Narkose, Todesnähe-Visionen, Nachtod-Kontakte, oder ein Leuchten um den Kopf von Sterbenden. Es enthält auch ein Beispiel einer sehr beunruhigenden, aber nicht genau zuzuordnenden Zukunftsvision, die Emma Otero (der späteren Mitgründerin der Schweizerischen Gesellschaft zur Erforschung von Nahtoderfahrungen) während ihrer NTE zuteil geworden ist, und die sich 20 Jahre später zu ihrem Entsetzen überraschend bewahrheitete. Ich erwähne diese Dinge, weil sie immer wieder berichtet werden, und weil ich der Meinung bin, dass sie mehr Aufmerksamkeit verdienen. Wie ich selbst an verschiedener Stelle dargestellt habe (z. B. Nahm, 2009, 2011, 2012), gäbe es etliche Möglichkeiten, die Natur der vielgestaltigen, aber scheinbar miteinander verwandten Phänomene in Todesnähe auch mit wissenschaftlichen Methoden näher zu untersuchen, um ihr Wesen tiefer zu ergründen.
Auch Mehnes Buch regt dazu an, wobei es wie erwähnt kein wissenschaftliches Buch ist. Es ist jedoch eine gut geeignete Ergänzung zur wissenschaftlichen Methode, denn es weist den Weg zur Respektierung und Beteiligung von nahtoderfahrenen Menschen an der Forschung. Auch ansonsten ist es eine Fundgrube an Gedanken zum Umgang mit dem Sterben. Mehne berührt dabei Themen wie Kirche, Religion, Theologie, Hospizarbeit, Palliativmedizin, Beerdigungen, den Umgang mit außergewöhnlichen Erfahrungen und mit nahtoderfahrenen Menschen, und Vieles mehr. Gemessen an dem oftmals heiklen Inhalt gelingt Mehne dies in erfrischend undramatischer und authentischer Weise.