Sabine Mehne:

Der große Abflug.
Wie ich durch meine Nahtoderfahrung die Angst vor dem Tod verlor.

Rezensent:

Christian von Kamp

In ihrem neuen Buch nimmt Sabine Mehne den wesentlichen Aspekt als Nachwirkung einer Nahtoderfahren unter die Lupe: keine Angst vor dem Tod zu haben. Sie schreibt über die Themen Sterben und Tod sowie den Umgang damit, nicht zuletzt aber auch über das Leben im Angesicht des Todes. Wer sie kennt weiß, dass sie hier  mit ungewöhnlichen oder zunächst ungewohnten Antworten aufwartet, die bei näherer Betrachtung viel Lebendiges und Menschenfreundliches beinhalten. Grundlage Ihrer Reflexionen sind neben ihrer tiefen Nahtoderfahrung (NTE) mit dem Lebensrückblick auch Begegnungen mit Verstorbenen.

Die NTE erfuhr Mehne während ihrer schweren Krebserkrankung. Dabei erlebte sie die Verwandlung ihres bisherigen Ichs im Licht. Im Licht gab es nach ihrer Wahrnehmung weder Subjekt noch Objekt, weder Ich noch Du, sondern nur das absolute Sein. Sie erkannte, dass ihr Leben richtig und gut war. Und nicht nur das Ich „war gut, so wie es war“, sondern „alles ist gut“, einschließlich aller gefühlten Schmerzen, allen erlebten Leids. Und davon hatte sie reichlich erfahren.

In ihrer Verschmelzung mit dem Licht war Mehne Teil des Ganzen geworden, und dieses Gefühl besteht auch heute noch, ebenso wie das Gefühl der Freiheit, das ebenfalls ihr weiteres Leben prägte. Diese mystische Erfahrung nahm ihr die Angst vor dem Tod, wie dies auch von vielen anderen Nahtoderfahrenen bekannt ist. Die Sehnsucht nach dem Licht wandelte Mehne im Lauf der Jahre in „Lebenskraft und Lebenslust“ um. Hierbei half ihr, nicht gegen diese Sehnsucht anzukämpfen. Das Nicht-Ankämpfen erleichterte ihr auch den Umgang mit quälenden Emotionen, nicht zuletzt bei tiefen Ängsten, die erst verschwanden, als ihr plötzlich bewusst wurde, dass sie als Neunjährige sexuell missbraucht worden war. Eine Erinnerung, die im Rahmen ihres Lebensrückblicks wieder auftauchte, sich wieder verlor und dann nach einiger Zeit erneut hervorbrach.

In ihrer Krankheitszeit ließ Mehne sich auf den Tod ein – nach ihrer Genesung auf das Leben. Zu leben bedeutet für sie, in allem das Licht zu sehen und offen zu sein für die Schönheit. Und es bedeutet, das Selbst zu lieben, das Lichts in ihr und in den anderen. Die NTE hatte sie transformiert, was sich in vielen Bereichen bemerkbar machte: Sie musste lernen, mit der Wahrnehmung von Verstorbenen oder mit Vorahnungen und Telepathie umzugehen. Sie nimmt Sterbende bei ihrer Reise ins Licht wahr und fühlt dabei oft viel Freiheit und Liebe. Der Tod ist für sie etwas Leichtes geworden.

In beeindruckenden Berichten schildert sie die Begegnung mit Sterbenden. Nach dem Tod ihres Vaters findet mit ihm noch eine Versöhnung statt. Einen längeren Abschnitt widmet sie dem Tod von Kindern. In der Erziehung, der Kirche und der Medizin wünscht sie sich eine Beschäftigung mit NTE und vergleichbaren spirituellen Erfahrungen.

Nahtoderlebnisse können Weltbilder verändern und andere Dimensionen öffnen, zunächst für die Erfahrenden selbst. Damit aber können sie den Anstoss geben für einen Bewusstseinswandel in unserer Gesellschaft. Der große Abflug ist ein Buch, das in diese Richtung wirkt.